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Kunst, Architektur und Design Ausstellung

Friedl Dicker-Brandeis.
Werkstätten bildender Kunst

Friedl Dicker-Brandeis, Franz Singer, Hans Weller, Entwurf, Fußboden, Farbstudie, Architektur, Wohnung
IN 9394/5

Friedl Dicker-Brandeis, Franz Singer, Entwurf für die Wohnung von Hans Heller: Farbstudie für den Fußboden im Vorzimmer, um 1927

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

Info

Ort

Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof Schönlaterngasse 5, Stiege 8, 1. Stock, 1010 Wien

Öffnungszeiten

Mittwoch–Samstag, 14.00–18.00 Uhr

Kuratorisches Team

Cosima Rainer, Robert Müller, Stefanie Kitzberger

Ausstellungsgestaltung

Robert Müller

Ausstellungsorganisation

Laura Egger-Karlegger, Judith Burger, Eva Klimpel

Das künstlerische Werk von Friedl Dicker-Brandeis ist vielschichtig und multimedial. Es reicht von Grafiken, Malereien, Spielzeugen, Bühnenbildern und -kostümen über architektonische Entwürfe, modulare und wandelbare Möbel bis zu Textilien, Taschen, Bucheinbänden und politischen Fotocollagen. Als Kunstvermittlerin und -pädagogin war sie auch noch nach ihrer Deportation ins KZ Theresienstadt im Jahr 1942 tätig. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Während ihrer kurzen Karriere arbeitete Dicker fortlaufend in unterschiedlichen Kollaborationen und Arbeitsverhältnissen. Ihr komplexes Werk macht sie zu einer herausragenden Künstlerin der europäischen Moderne. Dass sie in der Kunstgeschichte dennoch kaum sichtbar wird, hat vielfältige Ursachen, darunter geschlechtsspezifisch, politisch und antisemitisch bedingte Formen der Marginalisierung. Lange Zeit wurde Dicker primär als Partnerin des Architekten Franz Singer wahrgenommen. Ihre Verfolgung als Sozialistin und Jüdin ab den 1930er Jahren brachte mit sich, dass zentrale Teile ihres Werks zerstört wurden oder verloren gingen. Die Auseinandersetzung mit ihrem Gesamtwerk ist auch heute längst nicht abgeschlossen.

Die Tendenz der Kunstgeschichte, den Kanon zum 20. Jahrhundert entlang der Trennung von Medien und einer vermeintlichen Dichotomie von bildender und angewandter Kunst zu etablieren, hat die Einordnung und Interpretation von Dickers interdisziplinärem Œuvre sicherlich erschwert. Das Interesse an der Überschreitung etablierter Kategorien wird bereits im Frühwerk der Künstlerin deutlich. Mit der Benennung ihrer ersten Firma als Werkstätten Bildender Kunst GmbH formulierten Dicker und Singer ein avantgardistisches Verständnis von bildender Kunst als materieller Arbeit am gesellschaftlichen Ganzen. Die Ausstellung greift diese Beobachtung konzeptuell auf. Entlang von Arbeiten aus Kunstsammlung und Archiv rückt sie Dickers gattungs- und medienübergreifende Praxis und deren materielle, formale und thematische Vielschichtigkeit ins Zentrum. Die Schau adressiert Arbeitsweisen und deren politische und historische Kontexte, aber auch die unterschiedlichen intellektuellen und künstlerischen Milieus, mit denen Dicker verbunden war. Sie zeichnet ihre vielseitige Bildung an Institutionen wie der Wiener Graphischen Versuchs- und Lehranstalt, der Wiener Kunstgewerbeschule und dem Weimarer Bauhaus nach, rekonstruiert ihre über das Kunstfeld hinausreichenden persönlichen Netzwerke und fragt nach ihrer Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Entwicklungen in Kunst und Theorie. Friedl Dicker-Brandeis wird so als Künstlerin gezeigt, die trotz ihrer oft prekären Lebens- und Produktionsbedingungen vielseitige, ungewöhnliche und politisch widerständige Gestaltungen für unterschiedliche Gemeinschaften und Kontexte entwickelte.

Die Ausstellung beleuchtet damit nicht zuletzt die in Österreich einzigartige öffentliche Sammlung der Universität für angewandte Kunst Wien, die Arbeiten aus allen wichtigen Werkphasen der Künstlerin umfasst. Sie ist eng mit dem Engagement Oswald Oberhubers verbunden. Als Künstler, Ausstellungsmacher und später als Rektor der Hochschule für angewandte Kunst setzte er sich für die Re-Etablierung von Avantgarde-Künstler:innen und vom nationalsozialistischen Regime ermordeten, vertriebenen oder auf andere Weise marginalisierten Figuren der österreichischen Kulturlandschaft ein. Die Arbeiten von Friedl Dicker-Brandeis zeigte er erstmals 1976 in der Schau Österreichs Avantgarde 1900–1938. Ein unbekannter Aspekt in der Galerie nächst St Stephan sowie in der Ausstellung Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus, 1985 an der Hochschule für angewandte Kunst Wien. Ein Engagement, das durch die Ausstellung 2 x Bauhaus in Wien. Franz Singer, Friedl Dicker, von Georg Schrom und Stefanie Trauttmansdorff 1988/89 an der Angewandten fortgesetzt wurde.

Die Ausstellung Friedl Dicker-Brandeis. Werkstätten bildender Kunst präsentiert erste Ergebnisse eines zweijährigen Forschungsprojekts, die in der von Stefanie Kitzberger, Cosima Rainer und Linda Schädler herausgegebenen Publikation Friedl Dicker-Brandeis. Werke aus der Sammlung der Universität für angewandte Kunst Wien vertieft werden. Die Publikation erscheint Ende 2022 im De Gruyter Verlag und kann per E-Mailüber den Verlag sowie überall, wo es Bücher gibt, bestellt werden. 
Im Rahmen der Vienna Art Week wird am 22. November 2022 die umfangreiche Werkmonografie präsentiert.  

Im Frühjahr 2023 wird die Ausstellung in adaptierter Form in der Graphischen Sammlung ETH Zürich zu sehen sein.

Bilder

IN 8699

Stilleben mit Spule, um 1920

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

In 12.192

Studie zu „Anna Selbdritt“, 1920–1921

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

IN 12.213

"Mann im Zimmer", um 1920

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

IN 9394/5

Entwurf für die Wohnung von Hans Heller, Wien 4, Karolinengasse, 1927–1928

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

IN 12.214/2

Cello und Kaktus, um 1920

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

Friedl Dicker-Brandeis, Textil, Handtasche
KM 3891

Handtasche, 1924-1930

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

In 12.245

Komposition mit Musikinstrumenten, 1925–1931

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

Friedl Dicker-Brandeis, Collage
IN 12.252/FW/8

"Fürchtet den Tod nicht", 1932-1933

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

Friedl Dicker-Brandeis, Fuchs lernt Spanisch, Malerei, Gemälde, Portrait
IN 14.108/B

"Fuchs lernt Spanisch" oder "Ein Freund lernt spanische Vokabeln", 1938

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

Friedl Dicker-Brandeis, Kunst, Abstraktion, Skulptur, Objekt
IN 14.109/B

"Eine negative und positive Variation derselben Form von einem Kraftfeld gehalten ", 1941

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

IN 8703

"Das Verhör" III, 1933–1934

© Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Foto: kunst-dokumentation.com

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